Sub-2-Hour Marathon – mit deutscher Ingenieurskunst gelingt der Eintritt in neue Sphären

Mit Sebastian Sawe (KEN) und Yomif Kejelcha (ETH) ist es am 27. April 2026 beim London-Marathon gleich zwei Männern gelungen, die magische 2 Stunden-Marke für die Distanz von 42,195 km zu unterbieten. Neben den optimalen äußeren Bedingungen und der zweifelsohne beeindruckenden menschlichen Leistung spielte bei diesem Rekord auch ein weiteres Element eine wichtige Rolle, damit diese lange Zeit nicht für möglich gehaltene Laufzeit Realität werden konnte. Die Rede ist vom Schuh und hier im Speziellen von der Sohle und deren Entwicklung über die letzten Jahre. Außerdem muss in dem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass beim London Marathon 2026 ein reines Frauenrennen stattgefunden hat, wobei Tigst Assefa (ETH) mit 2:15:41 in dem Set-up ebenfalls einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Warum erwähnen wir das hier? Genau, auch sie trug die Schuhe, die Sebastian Sawe und Yomif Kejelcha zu ihren Spitzenleistungen verhalfen.

Der lange Weg bis zum Marathon in unter 2 Stunden

Betrachtet man sich die Spitzenzeiten für den Marathon über die letzten Jahre, lässt sich beobachten, dass bei den Männern die Rekordzeit lange bei ca. 2:03:00 lag, ehe 2018 Eliud Kipchoge mit 2:01:39 noch mal eine deutliche Steigerung gelang (Tabelle 1).

ZeitNameNationJahrOrt
01:59:30Sabastian SaweKEN2026London
02:00:35Kelvin KiptumKEN2023Chicago
02:01:09Eliud KipchogeKEN2022Berlin
02:01:39Eliud KipchogeKEN2018Berlin
02:02:57Dennis KimettoKEN2014Berlin
02:03:23Wilson KipsangKEN2013Berlin
02:03:38Patrick MakauKEN2011Berlin
02:03:59Haile GebrselassieETH2008Berlin
02:04:26Haile GebrselassieETH2007Berlin
Tabelle 1: Verlauf Marathon Weltrekord der Männer[1]
[1] Marathon Weltrekord: Die Bestzeiten der Männer (Stand 15.06.2026)

Ähnliches lässt sich bei den Frauen beobachten. Paula Radcliffes Weltrekord aus 2003 mit 2:15:25 hielt 16 Jahre, ehe 2019 Brigid Kosgei mit 2:14:04 einen neuen Spitzenwert markierte (Tabelle 2). 

ZeitNameNationJahrOrt
02:09:56Ruth ChepngetichKEN2024Chicago
02:11:53Tigst AssefaETH2023Berlin
02:14:04Brigid KosgeiKEN2019Chicago
02:15:25Paula RadcliffeGBR2003London
02:17:18Paula RadcliffeGBR2002Chicago
02:18:47Catherine NderebaKEN2001Chicago
02:19:46Naoko TakahashiJPN2001Berlin
Tabelle 2: Verlauf Marathon Weltrekord der Frauen[1]
[1] Marathon Weltrekord: Die Bestzeiten der Frauen (Stand 15.06.2026)

Genau in diesem Zeitraum begann auch eine Renaissance im Bereich der Sohlenentwicklung, die mitentscheidend dafür war, dass in den Folgejahren weitere Rekorde erzielt werden konnten.

Carbon – Schaum Mittelsohle – Konstruktion – Gewicht

Namentlich startete die Revolution mit dem Nike Vaporfly 2017, der erstmalig mehrere Komponenten des modernen Laufschuhs vereint hat. Da wäre zunächst die Karbonfaserplatte, die in die Sohle eingelassen ist.  Diese hat den Zweck, die ansonsten weiche Dämpfung der Sohle zu versteifen, um so Instabilitäten zu kompensieren und damit den Energieverlust bei jedem Schritt zu minimieren. Zusätzlich konnte die Mittelsohle aus einem Schaum gefertigt werden, der nachweislich mehr elastische Energie zurückgibt, als das mit den bis dato eingesetzten EVA-Schäumen der Fall war. Der bekannteste Vertreter dieser neuartigen Schäume ist das thermoplastische Elastomer Pebax der Firma Arkema. Mittlerweile haben alle großen Laufschuhmarken eigene Bezeichnungen für ihre „Booster“-Schäume (einen genauen Überblick findet man bei [1]). Neben den beiden Materialien spielt auch die Konstruktion der Sohle eine wichtige Rolle. In der Kombination Schaum, Geometrie und Karbonfaserplatte konnte von unabhängigen Untersuchungen bestätigt werden, dass beim Träger die Energiekosten um bis zu 4 % reduziert werden können.4 Die damit einhergehenden Energierückführungseigenschaften erlauben es dem Träger, also länger bei gleichbleibender Leistung zu laufen. Bereits damals hatte man prognostiziert, dass für Top-Athleten diese Energieeinsparung zu einer Marathonzeit von unter 2 Stunden führen könnte.

Abbildung 1: Explosionszeichnung der Nike Vaporfly Sohlenkonstruktion. [1]
[1] Hoogkamer, Wouter & Kipp, Shalaya & Frank, Jesse & Farina, Emily & Luo, Geng & Kram, Rodger. (2018). A Comparison of the Energetic Cost of Running in Marathon Racing Shoes. Sports Medicine. 48. 1-11. 10.1007/s40279-017-0811-2.

Ein weiterer Faktor, der die Laufökonomie wesentlich beeinflusst, ist das Gewicht des Schuhs. Bei Profiathleten zählt jedes Gramm. Gerade bei Langdistanzrennen macht sich das Gewicht mit der Zeit bei der Laufökonomie spürbar bemerkbar. Je leichter der Schuh ist, desto leichter fällt es dem Träger auch das Tempo über einen längeren Zeitraum zu halten.  


[1] The ultimate guide to running shoe foams | RunRepeat

Stack Height / Stapelhöhe

Stack Height bezeichnet die Gesamthöhe von Außen- und Mittelsohle. Durch die Entwicklung der modernen „Booster“-Schäume und deren hohe Energierückgabe waren die Hersteller versucht, diesen Effekt maximal auszuloten, was zu Stack Heights von bis zu 50 mm geführt hat.  Seit 2020 hat der Weltathletikverband die Stack Height von Straßenlaufschuhen auf 40 mm begrenzt. Betrachtet man sich die Topmodelle der verschiedenen Laufschuhmarken, ist ersichtlich, dass man sich am oberen Limit dieser Einschränkung bewegt.

Abbildung 2: A: ASICS Metaspeed Sky Tokyo (Stack Height 38,7mm)[1];
                   B: Adidas Adizero Adios Pro 4 (Stack Height 36,6mm)[2],
                   C: Nike Vaporfly 4 (Stack Height 34,1mm) [3],
                   D: Saucony Endorphin Elite 2 (Stack Height 39,9mm) [4]

[1] Cut in half: ASICS Metaspeed Sky Tokyo Review (2025) | RunRepeat
[2] Cut in half: Adidas Adizero Adios Pro 4 Review (2025) | RunRepeat
[3] Cut in half: Nike Vaporfly 4 Review (2025) | RunRepeat
[4] Cut in half: Saucony Endorphin Elite 2 Review (2025) | RunRepeat

Der Adidas Adizero Adios Pro Evo 3

Abbildung 3: Der Sub-2h- Marathon Schuh; Adidas Adizero Adios Pro Evo 3.[1]
[1] adidas ADIZERO ADIOS PRO EVO 3 Schuh – Weiß | adidas Deutschland (Stand 01.07.2026)

Mit diesem Modell haben sowohl Sebastian Sawe (KEN), Yomif Kejelcha (ETH) sowie Tigst Assefa (ETH) den London Marathon bestritten. Dass die beiden Männer auch die magische Marke von 2 Stunden geknackt haben, unterstreicht eine nicht zu unterschätzende Rolle dieses Schuhs für das Erreichen dieser Bestmarke.   

Aber was genau zeichnet den Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 aus?

Da ist in allererster Linie das Gewicht des Schuhs zu nennen. Nach Angaben von Adidas wiegt der Schuh nur 97 g und ist damit unglaublich leicht. Allein die Gewichteinsparung dürfte die Energieeinsparung während eines Marathons merklich beeinflussen. Klassische Laufschuhe wiegen i.d.R. zwischen 200 und 300 g. Durch die Begrenzung der Stack Height auf 40 mm stellt sich die Frage, wie die Energierückgabe der Schäume trotzdem maximal ausgereizt werden kann, ohne dabei an Stabilität zu verlieren. Hier hat Adidas mit dem ENERGYRIM eine interessante Lösung entwickelt (s. Abbildung 4).

Abbildung 4: ENERGYRIM des Adidas Adizero Adios Pro Evo 3.9,[1]
[1] Cut in half: Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 Review (2026) | RunRepeat

Im Unterschied zu dem vorher beschriebenen Nike Vaporfly, hat Adidas keine durchgängige Karbonfaserplatte verbaut, sondern nutzt das Karbon punktuell am Rand der Mittelsohle („Rim“). Auf die Art kann die Steifigkeit des Karbons weiterhin zur Stabilisierung und Vortrieb der Energierückgabe genutzt werden, wobei gleichzeitig Gewicht eingespart wird und der Schaum seine maximale Dämpfungs- und Energierückgabeeigenschaften ausspielen kann. Dazu wurden die erlaubten 40 mm Stack Height nahezu maximal ausgenutzt. Laut Angaben von Adidas liegt der Wert im Fersenbereich bei 39 mm. Für das Obermaterial hat sich Adidas bei einer anderen Sportart bedient. Hier greift man auf Elemente der Kitesurfsegel zurück, die ähnlichen Garne verwenden und deren Segel leicht und reißfest sein müssen. Auch bei den Schnürsenkeln kommen elastischere Senkel zum Einsatz, um auf die Art kürzere Senkel verwenden und dadurch weiteres Gewicht einsparen zu können. Für die nötige Traktion sorgt das Know-How von Continental, welche für den Vorderfußbereich die schwarze Gummiaußensohle für den Adios Pro Evo 3 liefern.

Fazit

Mit dem Adizero Adios Pro Evo 3 hat Adidas Marathongeschichte geschrieben und einen technisch beeindruckenden Schuh konzipiert, der Gewicht, Vortrieb und Energierückgabe so weit optimiert hat, dass Marathonzeiten von unter 2 Stunden realistisch sind.

Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass solche hochtechnisierten Produkte im Massenmarkt zunächst kaum verfügbar sein werden und sich für Hobbyläufer aus mehreren Gründen auch nur bedingt eignen:

  1. Preis: Für die Topmodelle der Laufschuhanbieter muss das entsprechende Kleingeld bezahlt werden. Der Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 wird aktuell mit einem Preis von 510€ gehandelt.
  2. Haltbarkeit: Die Hochleistungsschäume wie Pebax haben zwar sehr gute Werte, wenn es um die Energierückgabe geht, allerdings lassen die Performanceeigenschaften der Schäume ab ca. 400 km Laufleistung nach. Durch das Ziel der Gewichtseinsparung sind die Obermaterialien meist dünn – auch um dem Fuß die entsprechende Atmungsaktivität zu gewährleisten. Gleichzeitig macht sie das aber auch empfänglich für Defekte.
  3. Voraussetzungen: Gerade bei geübten und trainierten Läufern können die vorteilhaften Eigenschaften von Karbonfaserplatte und „Booster“-Schaum deutlich positive Effekte hervorrufen. Bei untrainierten Läufern, deren Muskulatur und Sehnen nicht mit der Wirkweise dieser „federnden“ Eigenschaft vertraut sind, besteht erhöhtes Verletzungsrisiko. Aufgrund der großen Stack Height und der weichen Mittelsohle haben die Schuhe eine Instabilität, die erst bei größeren Beanspruchungen mit hohem Lauftempo von ca. 4 min/km nachlässt.
  4. Laufstil: Gerade bei Vorderfußläufern hat sich gezeigt, dass sich die volle Wirkung entfaltet, wenn Karbonfaserplatte und „Booster“-Schaum am Schuh verarbeitet sind.

Mit Sicherheit sind die technischen Optimierungsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Von daher beobachten wir genau, welche Neuerungen zukünftig veröffentlicht werden und wie wir als PFI die weiteren Entwicklungen mit Biomechanik- und Laborprüfungen unterstützen und einsortieren können.

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